Kurzer Einschub: Ich war gestern vor dem vielleicht besten TV-Abend des Jahres mit einer Freundin unterwegs und wir beide haben uns bei der Verabschiedung angeschaut, ritualmäßig die Daumen gedrückt und gesagt “Daumen drücken für Lena. 12 Points!”. Dass nun genau Lena das tatsächlich geschafft hat, scheint nun immer noch genauso unrealistisch wie heute Nacht um 2 Uhr, aber es ist einfach geil. So tituliert BILD.de heute ganz groß “Lena ist Europas neuer Superstar”, ProSieben und ARD ändern aufgrunddessen heute und morgen ihr gesamtes Programm und zeigen Lena-Specials und ihre große Ankunft mit der Sondermaschine aus Oslo in Hannover. Die Lena-Mania kennt nun wirklich keine Grenzen mehr und diejenigen, denen der Lenahype der deutschen Medien schon vor Tagen zuviel war, werden jetzt umso mehr starke Nerven haben müssen. Abgesehen von dem Hickhack um “Ich mag Lena” und “Lena ist doof” ist doch eigentlich nun wichtig: Deutschland darf nächstes Jahr den Eurovision Song Contest nach 28 Jahren wieder austragen. Unglaublich!
Das Große Finale
Dabei hat der Abend eigentlich noch sehr gemächlich angefangen: Um Punkt 21 Uhr nach dem vielleicht feschesten Wort zum Sonntag ever ging es in Oslo los mit dem obligatorischen Intro, das aus einer Zeit- und Europareise durch all die Austragungsstädte bestand, und dem genauso obligatorischen Auftritts des Siegers vom letzten Jahr in der Telenor Arena in Oslo. So spielte einmal mehr der sympathische Alexander Rybak seinen Rekordsiegertitel “Fairytale” und spielte auf seiner Violine, als ob es kein Morgen gäbe. Nach dem wundervollen Auftritt mit Lena bei der Oslo-Ausgabe von TV TOTAL hatte Rybak sicherlich einige Fans mehr. Und zack ging es nach dieser stimmungsvollen Performance auch schon los mit dem ersten Beitrag des diesjährigen Songcontests.
Da war sie schon: Lenas größte Konkurrentin Safura, 17 Jahre jung aus Aserbaidschan. Hier hat man – wie John Hammond aus “Jurassic Park” immer so schön sagte – “keine Kosten gescheut”: Der Song “Driebb Drohbb” “Drip Drop” kam aus Schweden, die Choreographie aus den USA und den effekthascherischen Vorhang Robe aus Italien. Gebracht hat es letztendlich nicht ganz so viel, wie eigentlich von Aserbaidschan angedacht. Die Performance war schrecklich unecht, der Song nervig und aufgeblasen. Sie wirbelte von einem Bühnenende zum anderen und drehte sich dabei energisch ganz mit viel Wind im Haar, während sie “Oh no, no no” ins Mikro hektizierte. Welch dahinplätschernder Auftritt ganz im Namen des Titels. Für mich war der Beitrag von Anfang an überbewertet und es ist schön, dass andere in Europa das wohl auch gefunden haben. Britische Wettbüros sahen Safura allesamt vor Lena, letztendlich hat es für Miss LED-Lights “nur” für Platz 5 gereicht – da halfen auch nicht die drohenden Handbewegungen Safuras.
Spanien war nun an der Reihe und setzte auf die verträumte Fairytale-Rybak-Welle: “Algo Pequenito” verströmte bestes Jahrmarktflair mit seinen Telekom-Zirkus-Püppchen (man beachte die pink-weißen Kostüme) und wirkte echt sympathisch. Und dann passierte etwas, was niemals für möglich gehalten hatte: Jimmy Jump – bekannt für seine ähnlichen Aktionen bei vielen WM-Spielen – saß plötzlich mitten auf der Bühne und übte sich in der Choreographie mit. Er wurde nach einigen Sekunden von der Bühne gejagt und in Gewahrsam genommen. Was für eine Sicherheitspanne! Fairerweise durfte Daniel Diges zum Schluss nochmals seinen Song zum Besten geben, was ihm aber keinen Vorteil verschaffte. Platz 15 für Spanien.
Nach dieser Sicherheitspanne durfte das Gastgeberland Norwegen seinen Titel verteidigen: Der Tenor Didrik Solli-Tangen schmetterte im edlen Anzug – stellenweise etwas unsicher – die große Kitschballade “My Heart is Yours” in die mit 18.000 Zuschauern besetzte Telenor-Arena. Im Vergleich zu Alexander Rybak war dieser Titel wiederum zu pompös und eintönig, um sich von anderen Konkurrenten abzuheben. Leider nur Platz 20 für Norwegen.
Oh weh, und da kam auch schon der erste Trashbeitrag des Contests: Moldawien wollte mit Sunstroke Project & Olia Tira hip und fesch sein. Herausgekommen ist mal wieder osteuropäischer Trash mit schrecklichem Wumms-Beat, nervigem Refrain und unpassenden Kostümen. Gebt Olia Tira ein paar Rollschuhe, sie könnte mühelos in “Starlight Express” auftreten! Und dann noch dieser Typ, als ob er aus den 80ern entsprungen wäre und seltsame Hüftbewegungen mit seinem Saxophon durchgeführt hat… interessant. Rang 22 für “Run Away” – Eurotrash aus Moldawien.
Zypern zeigte sich dieses Jahr von einer sehr soften Seite und schickte Jon Lilygreen und Band mit dem locker-leichten Popsong “Life Looks Better In Spring” ins Rennen. Sein verschmitztes Grinsen in die Kamera konnte nicht vom Song ablenken, den man schon gefühlte 1000x auf anderen Pop-Radiowellen in ähnlicher Form gehört hatte. Im Vergleich zu Euro-Dance ist der Titel wahrlich angenehm und wirklich schön, im Vergleich zu anderen Beiträgen fällt Lilygreen eher ab. Platz 21 für “Life Looks Better in Spring”.
Blitz und Donner gab es dann bei Bosnia-Herzegowina – Ich mochte “Thunder & Lightning” von Vukasin Brajic schon damals im Semi-Finale nicht. Der Titel klingt donnermäßig nach totalem Krach, Töne und Melodie sind absolute Fehlanzeige. Laut Urbans Kommentar wollte Brajic Lehrer, hat stattdessen aber die künstlerische Musikerlaufbahn eingeschlagen. Wäre er doch lieber Lehrer geworden. Sehr überflüssige Nummer, Platz 17 ist dafür noch viel zu gut.
Dann kam eines meiner Highlights: Tom Dice aus Belgien. Ach, ich fand ihn schon im Halbfinale wundervoll. Da steht er in bester Songwritertradition vor dem Mikro alleine auf der Bühne, singt wie James Morrison von sich und seiner Gitarre. Keine Kleidertricks, keine Pyroeffekte. Nur eine ehrliche Musiknummer, die ebenfalls überraschenderweise auch ganz Europa begeisterte. “Just me and my guitar”… da stand er nun, machte eine kurze Pause und fing an, auf seiner Gitarre Akkorde zu zupfen. Dieser Moment war effektvoller als alle Feuerwerksladungen zusammen, die wir an diesem Abend in so manch anderen Beiträgen gesehen haben. Absolut top! Zeitweise war Tom Dice auf dem zweiten Platz nach Lena, herausgekommen ist ein fabulöser 6. Platz, der in Belgien sicherlich für Begeisterung gesorgt hat.
Von ruhigen Gitarrenklängen zu Balkanbeats: Da war er wieder, das diesjährige Retortenmännchen Milan Stankovic mit einem platinblonden Ponyschnitt zum Fürchten. Zugegeben: Der Song war irgendwie so absurd, dass er schon wieder witzig war. Mit einer Mischung aus Folklore und Pop-Beats hüpfte Stankovic energisch auf der Bühne herum, begleitet von lebendigen und hüftenschwingenden Karstadt-Schaufensterpüppchen und irrwitzig herumhüpfenden Backgroundtänzern. Balkan, Balkan, Balkan – ovo je Balkan! Letztendlich dann Platz 13 für den androgynen Balkanheld mit einem verdammt schrecklichen Kleidungsgeschmack.
Direkt danach kam das wahre Grauen der diesjährigen Veranstaltung. Weißrussland. Fünf Künstler nennen sich “3+2″ (wie originell!) und präsentieren den Song “Butterflies”. Klingt nach Kitsch? Aber ja doch. Das “Il Divo”-Kopie-Grüppchen sang von Schmetterlingen, die zur Sonne fliegen… welch wunderhübsche bildhafte Sprache. Als ob diese klebrige Ballade noch nicht genug gewesen ist, setzt Weißrussland zum Finale des Song noch den berühmt-berüchtigten Kleidertrick ein. Die Sänger ziehen an Fäden und ZACK haben die weiblichen Sängerinnen plötzlich Schmetterlingsflügel. Das ist ja fast noch origineller als der Bandname! Kitsch und Klassik vereint machen aber noch keinen guten Beitrag aus, daher gab es für die Weißrussen nur den vorletzten Platz.
Etwas schade ist es für die Irin Niamh Kavanagh, die bereits 1993 schon den Grand Prix gewann. Die Ballade “It’s For You” wurde zwar wunderschön dargeboten, klang aber aufgrund der hohen Balladendichte im diesjährigen Contest austauschbar. Perfekt gesungen, aber letztendlich nur ein netter Auftritt ohne Höhepunkte. Platz 23 für Irland.
Hohe Handyklingeltöne, scharfe Synthesizer: Griechenland konnte sich über die ESC-Platzierungen der letzten Jahre kaum beklagen. So ist es nicht verwunderlich, dass Giorgios Alkaios und seine tanzwütigen Freunde (wer sind diese Friends eigentlich?) mit dem Folklore-Popsong “OPA!” dieses Jahr auf Platz 8 landeten. Wie üblich wurde nicht an verrückten tanzeinlagen Pyrotechnik gespart – ja, sogar die feschen Trommeln konnten Feuer speihen, ich bin beeindruckt
. Und natürlich durfte der obligatorische Folklore-Instrumentalpart nicht fehlen. In der Telenor Arena in Oslo brachte Griechenland die Stimmung zum Kochen. Es war nicht überraschendes, aber auch kein Totalausfall – nur das Übliche aus Griechenland eben.
Großbritannien ging dieses Jahr unerklärliche Wege: Nach Jades großem Erfolg haben die BBC und die Briten doch tatsächlich gedacht, dass sie einen jungen Sänger namens Josh Dubovie ins Rennen schicken könnten, um einen ähnlichen Erfolg dieses Jahr zu feiern. Der größte Fehler war hier, einen Pete Waterman-Song in bester Tradition von Rick Astley und Kylie Minogue zu nehmen – absolut nicht mehr zeitgemäß und aalglatt. Dubovie versuchte krampfhaft das Beste aus der seichten Popnummer zu machen, scheiterte aber letztendlich dennoch. Die Treppenkonstruktion war zwar ganz schick, aber spätestens seit dem kläglichen Untergang der deutschen No Angels weiß man “Lange Stoffschleier ziehen nicht!”. Ich hatte schon in meinem Eurovision-Check eine schlechte Platzierung prognostiziert, und so ist es auch gestern Abend eingetreten – Irgendwie hat mir Dubovie ja schon fast Leid getan. 25ter und somit letzter Platz für Großbritannien.
Ein Lichtblick bildete Georgien dieses Jahr, die voll und ganz auf Folklore verzichteten und mit Sofia Nizaradzhe eine bildhübsche Musicaldarstellerin zum Song Contest schickten. Mit “Shine” machte sie ihrem Titel alle Ehre: Sie strahlte in einer feurig-roten Robe auf der Bühne, sang jeden Ton perfekt und tanzte noch ganz nebenbei gemeinsam mit den Tänzern die moderne Choreographie, die von dem Franzosen Redha erarbeitet wurde. Kein Wunder: Nizaradzhe spielte in Moskau in seinem Musical “Romeo & Julia” bereits die weibliche Hauptrolle. Tolle Stimme, großartige Performance auf hohem Niveau und mit viel Qualität. Platz 9 für Georgien – hätte von mir aus auch gerne besser abschneiden können.
Ebenfalls zu meinen Favoriten dieses Jahr gehörte die türkische Rockband maNga: “We Could Be The Same” hat ein geniales Mitklatsch-Intro, treibende Schlagzeugbeats und tolle DJ-Elemente. Dazu kommt noch die unglaublich eingängige Melodie, gesungen von Frontsänger Ferman Akgül mit recht soliden Vocals. Gut, der ganz in Silber, weibliche gehaltene Power Ranger im Hintergrund war vielleicht etwas zuviel des Guten, aber kreativ und stimmend war das Staging allemal. Schön, dass wir gerade von der Türkei in den letzten Jahren so viele interessante und schöne Beiträge zu sehen bekommen. Europa mochte die Rocknummer, daher Platz 2 für die Türkei.
Zu Albanien möchte ich eigentlich gar nicht viel sagen – es war der Beitrag, bei dem ich mir vorm TV eine Pause gegönnt hatte. Juliana Pashas “It’s All About You” ist auf die Dauer nervtötend. Der Bühnenauftritt war langweilig, die Frisur erinnerte sehr an frühere deutsche Fernsehmoderatorinnen und der leicht asiatische Hosenanzug völlig unpassend. Die Beats hetzen in bester Ralph Siegel-Manier nur so durch den Song und hauen metaphorisch die letzten Überbleibsel von Melodie vollends kaputt. Platz 16 für Albanien.
Im Vorfeld war die Isländerin Hera Björk nach ihrem fulminaten Auftritt im Semi-Finale ganz weit oben in der Scoreliste geschätzt worden, letztendlich reichte es dann doch nur auf Platz 19. “Je ne sais quoi” ist die typische Eurovision-Dancehymne: Zweisprachig, tanzbar, gesangsstark. Dass Hera Björk dann noch aufgrund ihres Bühnenoutfits noch eine erschreckende Ähnlichkeit mit der Prinzessin Kleinröschen aus dem Kultmärchen “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” hatte, halte ich aber für reinen Zufall
Think big hat dann für Island doch nicht ganz gereicht, daher Platz 19.
Geballte Mönchskuttenpower gab es dieses Jahr von der Ukraine: Alyosha rockte mit “Sweet People” die Halle und überzeugte zwar mit lauter, starker Stimme, jedoch ist der Song völlig frei von Highlights. An ihrer Bühnenpräsenz sollte sie vielleicht noch etwas feilen, so wirkte sie teilweise sehr alleingelassen auf dieser übergroßen Bühne. Platz 10 ist daher schon zu gut für diesen Beitrag inklusive Fetzenkostüm.
Für vorzeitiges WM-Feeling sorgte Jessy Matador aus Frankreich. Welch geschickter Coup, den offiziellen, französischen WM-Song zum ESC zu schicken! Die Performance hat einfach gute Laune verbreitet und überzeugte durch fetzige Dancemoves und klasse Sommerfeeling. Vielleicht nicht sonderlich anspruchsvoll, aber das muss ein Sommersong auch nicht sein. “Allez, Ola, Ole” war für mich der Partyhit des diesjährigen Song Contests, daher bin ich über Platz 12 ein wenig enttäuscht.
Feurig wurde es bei Paula Seling & Ovi, dem rumänischen ESC-Act 2010 – Man nehme ein Piano, lässt sie einen musikalischen Geschlechterkampf austragen und drumherum viele Feuerfontänen sprühen. Et Voilá: Fertig ist der Beitrag. Der Song ist zwar kein Meisterwerk, aber durchaus dank des “catchigen” Refrains anhörlich. Schrecklich war nur der hundsenge Latexanzug, der wie ein Catwoman-Kostüm vom letzten Halloween aussah. Nee, das musste nicht sein. Überraschenderweise landete Rumänien somit auf dem dritten Platz. Überbewertet? Mag sein. Es könnte aber auch schlimmeres geben.
Danach wurde es ganz ordentlich traurig: Die Kneipenhymne “Lost & Forgotten” von Peter Nalitch und seiner Band war unspektakulär und setzte ganz auf Druck auf die Tränendrüse durch trauriges Gejammer und niedergeschlagenem Gesichtsausdruck. Wie ich schon bereits beim Teilnehmer-Check schrieb: Es passt perfekt zu den armen Tropfen in der Bar, die über ihrem vierten Glas Bier sinnieren und nachdenken, was in ihrem Leben alles so falsch gelaufen ist. Wo ist die Kleenex-Box, wenn man sie mal braucht?! Dass diese Nummer nicht vergessen wurde, beweist die Endplatzierung Russlands: Platz 11.
Zweite weibliche Favoritin und gleichzeitig auch Konkurrentin für Lena nach Safura war die hübsche Armenierin Eva Rivas, deren Dekoletée vielleicht ein bisschen zu sehr gepusht und ihre wallende Haarpracht zu sehr verlängert wurde. Und wer kam eigentlich auf die verrückte Idee mit den blauen Kontaktlinsen? Mindestens genauso unpassend war das Staging von armeniens Song “Apricot Stone”: Irgendwelche älteren Armenier machen einen auf Dorfbrunnen – das mag vielleicht traditionell sein, passt aber meines Erachtens überhaupt nicht zu der aufgedonnerten Sexyness von Eva Rivas. Aber: Der Ethno-Popsong war gut und catchy, vielleicht etwas zuviel Pyrotechnik, aber ganz gut. Platz 7 fürArmenien.
Nun ging’s um’s Ganze: Der mit Spannung erwartete Auftritt von Lena war soweit und viele Wohnzimmer in Deutschland fieberten sicherlich nervös den ersten Tönen von “Satellite” entgegen. Und was soll ich noch dazu sagen: Es war einfach bombig. Lena lieferte gestern Abend den besten Auftritt von “Satellite” bisher ab und spielte souverän mit koketten Blicken mit den Kameras. Die Stimmung im Saal kochte bereits, als die ersten Beats erklangen und Lena wieder zu ihrem Persönlichkeitstänzchen ansetzte. Grandios! Stimmlich kann man sich durchaus streiten, genauso wie um ihren seltsamen Akzent. Dass Lena trotz dieser kleinen Streitigkeiten nun ganz Europa beeindruckt hat, zeigt, dass es im ESC eben auch um andere Dinge geht. “Satellite” ist verdammt catch, modern und lief im Contest wirklich außer Konkurrenz. Bravo Lena, damit hat Deutschland verdient nach 28 Jahren gewonnen! Unglaublich…
Richtig schwer hatte es die Portugiesin Filipa Azevedo nach dieser Vorlage: Die Ballade “Ha Dias Assim” war zwar nett, klang aber ein bisschen zu sehr nach einem Mariah Carey-Christina Aguilera-Mashup. Sympathisch versuchte sie die Zuschauer zuhause mit ihren verträumten Blicken in die Kamera zu bezirzen. Das konnte man als Schadenbegrenzung werten, da Azevedo bei den höheren Tönen so dermaßen angestrengt das Gesicht verzog, dass es schon wirklich nicht mehr schön aussah. Platz 18 für Portugal.
Israel gehörte dieses Jahr ebenfalls zu den Favoriten und enttäuschte leider bei der Endplatzierung im Contest mit Platz 14. Gab es zuviele Balladen, lag es an der Platzierung? Ich weiß es nicht, jedenfalls finde ich es für Harel Skaat mit seiner melancholischen Ballade “Milim” doch verdammt schade. Tolle Stimme voller Emotionen, intimer Auftritt – mich hat “Milim” live sehr berührt.
Schon waren wir beim letzten Beitrag angelangt: Chanée & N’Evergreen haben durchaus den Copycat-Award 2010 verdient. Der dänische Beitrag “A Moment Like This” klang verdammt nach ABBA, Shania Twain, Sting und Tina Turner. Für den Eurovision-Klassiker-Fan war die Nummer sicherlich fulminant mit vielen Pyroeffekte. Aber das reicht eben nicht immer. Daher gab es Platz 4 für die Dänen.
Die Übergangszeit zwischen Televoting-Auszählung und Punktevergabe war dagegen absolut genial: Oslo inszenierte das europaweiten Flash Mob Dance – in Aufzeichnungen und Live-Übertragungen brachte man hier alle teilnehmenden Länder zusammen in einem Megamix von Madcons neuem Song “Glow”. Dieses Wir-Gefühl, das inszeniert wurde, ist wahrhaft gigantisch. Da kann kein Cirque de Soleil mithalten – das war ehrlich, einfach und doch groß. Europa tanzt. Großartige Idee, großartig umgesetzt.
Die Punktevergabe war dagegen für Deutschland ein echter Krimi: Bangend saßen sicherlich Massen von Menschen vor den Fernsehern und hofften auf eine gute Platzierung Lenas. Hape Kerkelings Punktevergabe von der Hambrurger Reeperbahn war dagegen wirklich grandios. Besonders Hapes “Oh Oh”-Einstimmung auf den hinter ihm gröhlenden Chor von Menschenmassen war einfach klasse. So locker-flockig muss Grand Prix sein. Als die erste 100 Punkte-Marke für Deutschland geknackt wurde, dachte ich “Mensch, die wird doch wohl nicht…?!”. Und ehe ich es erfasste, hatte Lena sogar schon die 200-Marke geknackt. Als dann noch ein hörbar nervöser Peter Urban murmelte “Wir sind uneinholbar” war die Stimmung perfekt. Kurz nach Mitternacht war es dann offiziell: Lena hat mit “Satellite” den diesjährigen Eurovision Sing Contest in Oslo. Dieser Abend wird in die in die Musikgeschichte eingehen. Deutschland wird künftig sicherlich nicht mehr pausenlos mit “Ein Bisschen Frieden” assoziiert werden, sondern mit dem deutschen Fräulein Wunder Lena und ihrem poppigen Hit “Satellite”. YES!
Nun heißt es: Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland
Danke Lena, Danke Stefan Raab! Es ist der absolute Wahnsinn!
Erfolgreich war der ESC in Deutschland aber auch aus Sicht der ARD: 14,69 Millionen schalteten gestern Abend ein, um mit Lena mitzufiebern – das ist mit fast 50% Marktanteil glattes Fußball-WM-Niveau. Eine bessere Quote erzielte der Eurovision Song Contest nur im Jahr 1980. “Unser Star für Oslo” und die Kooperation mit Raab und ARD haben also mehr als ihr Ziel geschafft: Deutschland wurde wieder für den Grand Prix sensibilisiert. Um 0:10 waren es sogar unglaubliche 20 Millionen Menschen vor den deutschen Fernsehern, die Lenas unglaublichen Sieg miterlebten. Ein wahrer Erfolg!
Wie geht es nun weiter
Eigentlich hätte ich an dieser Stelle wie im letzten Jahr wieder geschrieben “Das war mein letzter Beitrag zum diesjährigen Song Contest. Wir sehen uns nächstes Jahr wieder mit dem ESC aus der europäischen Stadt XY”. Nun ist alles anders: Lena hat gewonnen, Deutschland hat gewonnen, somit wird der nächste Eurovision Song Contest nicht neben kalten Fjorden oder etwas in anderen osteuropäischen Hauptstädten stattfinden, sondern bei uns in Deutschland.
Die große Preisfrage ist derzeit: Wo wird nächstes Jahr die größte musikalische TV-Show der Welt in deutschen Gefilden stattfinden? Laut NDR hat Deutschland viele schöne Städte, der Austragungsort stehe daher noch nicht fest. Heiße Favoriten sind laut Eurovision.de Hamburg, Hannover, Berlin und Köln. Ich tippe dabei sehr schwer auf Hamburg als Zentralstadt des Norddeutschen Rundfunks oder unsere Hauptstadt Berlin.
Weitere Details wird es wohl dazu in den kommenden Tagen geben, wie bereits mehrfach im Vorfeld angekündigt wurde. Am Montag gibt es um 12 Uhr eine Pressekonferenz mit Raab, Lena und anderen Verantwortlichen des NDR und der ARD anwesend sein werden. Vielleicht bringt das ein wenig Licht ins Städtedunkel. Wo kann man Tickets kaufen?? Egal wo, ich will nächstes Jahr verdammt nochmal dabei sein! Und dann bitte Hape Kerkeling als Moderator, jawoll!
Laut Stefan Raab könnte nächstes Jahr Lena tatsächlich nochmals für Deutschland antreten – ganz nach dem Motto “Never change a winning team”. Nur ein Scherz? Man weiß es noch nicht. Ich würde das zwar etwas schade finden, weil das vielleicht nicht ganz so abwechslungreich wie ein neuer Künstler über die Show “Unser Star für XY” wäre. Schlecht wäre diese Entscheidung nach diesem fulminaten Sieg aber sicherlich nicht.
Meine ESC-Reihe zum Contest in Oslo endet nach Wochen vor Spaß und Spannung rund um die ESC-Events – die Zukunft beginnt aber glücklicherweise schon morgen mit der angekündigten Pressekonferenz, wenn es heißt: Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland.
Update: Auch wenn der Austragungsort noch nicht feststeht, wurden jeweils die Termine für den Song Contest 2011 bekannt gegeben. Also Kalender suchen und folgende Termine notieren:
Die beiden Semi-Finals finden jeweils am 17. und 19 Mai statt. Das große Finale wird dann am 21. Mai 2011 in Deutschland zelebriert
Fotos: EBU/eurovision.tv

















